Internet vs. alte Welt

Als ich gestern eigentlich einschlafen wollte, fand ich auf irgendeinem TV-Sender – soweit hinten das ich mich nicht erinnern könnte ihn schon mal gesehen zu haben – eine Talkrunde. Thema war wohl im großen und ganzen das Internet und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Angeregt wurde unter anderem darüber diskutiert, ob es sehr viel mehr Regulierung durch den Gesetzgeber bräuchte. Einer der Gäste – offensichtlich ein kluger, Internet affinier Mann – versuchte darauf hinzuweisen das die Gesellschaft von heute kaum anhand ihrer Werte und Erfahrungen etwas derart neues wie die „virtuelle Welt“ regulieren kann… Auf wirklich offene Ohren ist er damit nicht gestoßen – von meinen einmal abgesehen. Weshalb ich das Thema auch gerne nochmal aufgreifen möchte.

Das Internet ist keine neue Erfindung. Die Möglichkeiten die daraus entstanden sind, bisweilen allerdings schon. Vermutlich wurde die Gesellschaft seit der Erfindung der Buchdruckes nicht mehr derart verändert wie in den vergangenen 20 Jahren. War das Internet einen langen Teil seiner Existenz tatsächlich nicht viel mehr als ein loser Verbund von zusammengeschalteten Rechnern, hat es sich heute zu einer mitunter, metaphysischen Instanz unserer Welt verändert. Es ist ohne jeden Zweifel das mächtigste und gewinnbringenste Werkzeug das die Menschheit innerhalb ihrer Kultur geschaffen hat. Und wie bei jeder anderen weltumspannenden Entwicklung, überrollt diese die Menschen gerade zu. Für die Generationen die nach der Manifestation einer solchen Entwicklung geboren werden, ist das kein Problem. So wie für mich die Existens des TVs nichts besonderes darstellt. Oder die des Telefons. Beide Entwicklungen hatten bereits Einzug in die „wirkliche Welt“ gehalten als ich geboren wurde und haben sich innerhalb meiner Lebenszeit nur noch marginal entwickelt. Ich würde behaupten das beispielsweise das TV mich bei weitem nicht so „verdorben“ hat wie man immer wieder behauptete. Ich habe den Umgang damit gelernt. Es war ein alltägliches Medium das ich gerade als Kind ausgesprochen gerne konsumiert habe. Aber es ist und war immer nur ein Medium! Was ich dort innerhalb einer Zeichentrickserie gesehen habe war nicht realer als in einem beliebigen Comic. Ich hatte also die Kompetenz die Inhalte in realistisch und uneralistisch zu differenzieren.

Jetzt hingt der Vergleich TV und Internet zugegeben ziemlich. Das Internet ist weit tiefer in das Leben der Menschen eingedrungen als es das TV je vermocht hätte. Und trotzdem gehen die Generationen die in eine Welt mit Internet hineingeboren wurden, ganz selbstverständlich damit um. Meine Generation und die vor mir können vielleicht noch von „analoger“ und „digitaler Welt“ sprechen. Wer innerhalb der letzten 20 Jahre in der westlichen Welt geboren wurde, kann das vermutlich nicht mehr. Der Umgang mit Handy, immerwährender Erreichbarkeit, unendlicher Vielfalt an Informationen… das alles ist für diese Menschen Alltag. Es gibt keinen halbwegs guten Grund anzunehmen, das die Welt in der man zu jeder Zeit überall mit anderen ins Gepräch kommen kann oder Zugriff auf alle erdenklich Informationen hat, irgendwie besonders wäre.
Nun, diese Menschen sind aber noch zu jung als das sie im wahrsten Sinn des Wortes die Welt regieren würden. Im Moment tun das überwiegend Menschen die noch ein bisschen älter sind als ich. Menschen, für die wohlmöglich die permanente Verfügbarkeit von TV noch etwas besonderes sein mag. Diese Leute deren technisches Verständnis sich bisweilen auf die Bedienung eines Taschenrechners zu beschränken scheint, entscheiden nun darüber wie die Welt mit dem „neuen“ Medium Internet umzugehen hat. Aber anstatt sich von Leuten beraten zu lassen die in der Lage sind die Bedeutung all dessen zu erfassen, betrachten sie die – zugegeben – vielen schlechten Ausprägungen – oder das was sie innerhalb der Berichterstattung zu sehen kriegen und dafür halten – und wenden ihr althergebrachtes Werte- und Normensystem darauf an. Natürlich ist es schlecht wenn private Nacktbilder unberechtigter weise verbreitet werden. Und natürlich ist das etwas, das in der Ausprägung vorher nicht möglich gewesen wäre. Sowohl bezogen auf die Beschaffung als auch auf die Verbreitung. Und das es unserem Wertesystem widerspricht ist vollkommen klar. Aber das was wir für richtig und falsch, moralisch und unmoralisch halten, muss nicht zwingend identisch mit dem Wertesystem in 20 oder 30 Jahren sein. Aber die Regierenden nehmen sich heute das Recht heraus, auf Basis ihrer Wertvorstellungen das Medium Internet regulieren zu wollen. Worin das endet sieht man ganz gut bei dem „Recht auf Vergessen“.

Unter dem Begriff “Recht auf Vergessen” versteht man den Zwang, einen Link innerhalb eines Suchergebnisses zu löschen sofern eine Person die nicht im öffentlichen Interesse steht, dies beantragt. Damit der Löschantrag Aussicht auf Erfolg hat, muss die Person nachweisen das durch die Veröffentlichung des Links Einschnitte in die Privatssphäre stattfinden.
Als Beispiel: Ich hinterziehe Steuern in größerer Summe. Ein Privatmann veröffentlicht eine Blogeintrag darüber und erwähnt mich darin namentlich. Google listet diesen Eintrag und in Zukunft taucht dieser Blogeintrag bei der Suche nach meinem Namen in der Ergebnisliste auf. Das ist in zehn Jahren sicherlich unerwünscht wenn man beispielsweise auf der Suche nach einem neuen Job ist.
Die EU hat das Problem erkannt und das unsinnigste getan was man hätte tun können. Man erhebt die Suchmaschinenbetreiber offiziell zu den Hütern aller Internetinhalte und zwingt sie dann konsequenter weise, die entsprechenden Links zu entfernen. In der Politik geht man davon aus, das man mit diesem Vorgehen den kompromitierenden Inhalt quasi aus dem Internet entfernt hat. Zwar ist mittlerweile so viel technisches Verständnis vorhanden das man irgendwie schon ahnt das die eigentliche Quelle (der Blog eines Privatmannes) nach wie vor uneingeschränkt die “Infos” verteilen kann, aber man nimmt an das darauf schon niemand stoßen wird wenn Google und Kollegen das nicht in den Suchergebnissen listen. Ich stelle das mal ein wenig überspitzt da: Wenn bekannt wird das ein Asteroid auf die Erde zu rast unternimmt unsere Regierung dieser Logik zufolge nichts gegen die eigentliche Bedrohung sondern sorgt dafür das die Bürger nichts über eben jene Bedrohung erfahren. Das kann man machen… muss man aber nicht.
Klar, das Beispiel hinkt vorne und hinten. Und doch verdeutlicht es das derzeit angewandet Prinzip der Informationsunterdrückung ganz gut. Hier kommt halt der typische Aktionismus ins Spiel der allen Regierungen der westlichen Welt gemein ist. Anstatt die Ursachen eines Problems zu ergründen und Änderungen zu initiieren die eben jene Ursachen eliminieren, wird mit meist unverhältnismäßiger Härte gegen die Symptome angegangen. Wenn der Patient einen Tumor hat wird der Arzt auch bemüht sein diesen zu entfernen anstatt sich nur auf die Symptome zu konzentrieren. In der Medizin mag es Zustände geben in denen aber nur die Behandlung der Symptome möglich ist. In einer komplexen kulturellen Sozialstruktur hingegen würde ich unterstellen, kann man alles ändern wenn man sich nur bemüht.
In dem Beispiel mit dem “unangenehmen” Blogeintrag wäre es wesentlich gewinnbringender die Menschen zu einem Umdenken bezüglich des Umgangs mit Informationen zu bewegen, statt eben jene Eintrag einfach “zu verstecken”. Gerade weil letzteres – und hier ist wieder die schreiende technische Inkompetenz der Leute – gar nicht mal so einfach ist. Warum sollte der Betroffene nicht die Möglichkeit haben, sich direkt an der Verfasser zu wenden? Warum sollte der Verfasser nicht im Laufe der Zeit sensibel genug geworden sein um einen solchen Eintrag gleich ohne persönlichen Bezug zu verfassen? Warum sollte es nicht ein Recht darauf geben das solche Beiträge vom Verfasser entfernt werden? Nun, warum es unseren Regierungen vermutlich nicht einmal in den Sinn kommt darüber nachzudenken eine soziale Normenänderung im Sinne meiner letzten Frage zu initiieren ist klar – wer selbst ohne Rücksicht auf die Privatssphäre anderer operiert und dabei bestehende Gesetze wenigstens ignoriert, von dem kann kaum verlangt werden aktiv an einer Umgestaltung der gesellschaftlichen Normen mitzuarbeiten. Das würde nämlich bedeuten das die Menschen die eigene Privatssphäre weit höher schätzen würden als das heute der Fall ist. Und das würde über kurz oder lang massive Proteste gegen die derzeitigen Gepflogenheiten der Regierungen und staatlichen Organe hevorrufen. Augenscheinlich kann man also nicht ernsthaft verlangen das eine Regierung aktiv auf eine Änderung der sozi-kulturellen Parameter hinarbeitet.

Aber lassen wir das. Gerade das „Recht auf Vergessen“ ist in seinen Kernbereichen nämlich tatsächlich einigermaßen komplex. Man müsste sich also ernsthaft von allen Seiten damit befassen. Mir ging es in dem Beispiel eher darum den Prozess aufzuzeigen, mit dem die heutigen Regierungen das Medium Internet in den Griff zu kriegen versuchen. Sie orientieren sich – vermutlich sogar in besten Willen – an ihren Werte und Normen. Das sie dabei massiv Einfluss auf die Gesellschaft von Morgen nehmen, scheint nur den wenigsten bewusst zu sein. Natürlich muss es Regeln und Vereinbarungen geben die die Menschen innerhalb des Internets mit all seinen Möglichkeiten im Zaum halten. Wie man jeden Tag aufs neue sehen kann, bekommt die scheinbare Anonymität vielen Leuten nicht. Es braucht also zum Schutz aller, Regeln deren Einhaltung auch kontrollierbar, bzw. deren Verletzung verfolgbar ist. Aber das muss innerhalb der „natürlichen“ Funktionsweisen des Internets passieren. Man darf nicht versuchen dem System einen Deckel zu verpassen der von Leuten geschaffen wurden, die weder die Tragweite ihrer Ideen, noch die zugrundeliegende Technik des zu regulierenden Netzes, verstehen. Das Netz wird trotz Regulierung durch „alte“ Menschen eine weitere Entwicklung durchmachen. Jeder Versuch der Regulierung dieser vollkommen neuen sozialen Schicht unseres täglichen Lebens, ist zum scheitern verurteilt. Alles was Regierungen damit erreichen, ist eine Entkopplung ihrer Bevölkerung vom Rest der Welt. Und das absolut auch in der sogenannten realen Welt. China ist ein gutes Beispiel dafür. Es gibt aber noch einen ganzen Haufen Regime die meist schlechte Erfahrungen mit demVersuch gemacht haben, ihrer Bevölkerung das Internet vorzuenthalten.

Was ich mit diesem langen Text eigentlich sagen will… Wir dürfen als User / Bürger nicht erwarten das unser Umgang mit dem Internet von staatlicher Seite schon irgendwie geregelt wird. Wir müssen uns selbst Gedanken darüber machen, was wir wollen und wie wir es erreichen können. Wir dürfen nicht darauf vertrauen das unsere „Volksvertreter“ schon wissen was sie tun und uns ein schönes, nettes und freundliches Internet bauen. Wir müssen uns klar machen das wir mit unserer täglichen Nutzung die revolutionärste Erfindung seit des Buchdrucks, selbst maßgeblich mitgestalten. Und wir müssen verstehen das unsere Politiker werder den Willen noch die Kompetenz haben um diesen Lebensraum mit der notwendigen Ernsthaftigkeit zu gestalten. Und strenggenommen stört mich das nicht einmal. Ich würde es lieber sehen wenn die Gesellschaft sich ändert und das Internet das bleibt was es ist – ein seelenloses Netzwerk das schlicht das ist, was die Menschen die es benutzen, daraus machen.

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