Gedanken zu 4U9525

Es ist ein einigermaßen freundlicher Tag heute. Leichte Bewölkung aber durchaus auch mal sonnig. So wird es am 24. März auch am Himmel über Frankreich gewesen sein als die Germanwings-Maschine 4U9525 an einem Berg zerschellte.
Dies hier ist eigentlich kein Blog für derartiges… aber ich hatte Anfang des Jahres gelobt wieder mehr zu schreiben und auch vielleicht mal das ein oder andere persönliche zu posten. Nun, diese Katastrophe ist etwas persönliches. Nicht weil ich Angehörige an Bord gehabt hätte… nein, einfach weil ich die Berichterstattung in den vergangenen zwei Tagen aufmerksam verfolgt habe und somit auch nicht umhin kam, den traurigen Höhepunkt am heutigen Tag zeitnah zu erfahren. Mehr oder weniger offen haben sich in den letzten 24 Stunden alle Medien zu der Theorie geäußert, der Absturz könnte bewusst herbei geführt worden sein. Angesichts der Indizienlage ist es auch nicht verwunderlich das eher früher als später auch die “seriösen” Medien solche Sachen auf den Tisch der Spekulationen schmeißen. Heute aber – zwei Tage nach dem Absturz – ist auch der ermittelnde Staatsanwalt aus Frankreich mit dabei. Dessen Grundlage ist aber eine weit bessere als die der Medien. Die Auswertung des Stimmrekorders (Cockpit Voice Recorder) gibt Anlass zu der Vermutung, der Co-Pilot habe den Sinkflug gestartet nachdem der Pilot das Cockpit verlassen hat. Als dieser wieder auf seinen Platz wollte, habe der Co-Pilot das verhindert. Das dies möglich ist, verdanken wir wohl der panischen Terrorangst die seit dem 11. September herrscht. Seit dem wurde ein Sicherheitssystem für die Türen des Cockpits für alle Maschinen verpflichtend, das solche Situationen zulässt.
Laut den Ermittlern ist zu hören das eine Person bis zum Aufschlag der Maschine im Cockpit sitzt und “ruhig” atmet. Es ist auch zu hören das der Pilot “längere” Zeit versucht sich wieder Zutritt zum Cockpit zu verschaffen.
Zugegeben, es gibt noch eine Reihe von Möglichkeiten die all das erklären könnten. Ich halte mich hier aber wie so häufig an “Ockhams Rasiermesser”:

Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, die in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Quelle: Wikipedia

Letztlich bleibt es Sache der Ermittler zu klären was wirklich passiert ist… und vor allem, warum. Sofern es überhaupt eine Erklärung für etwas derartiges gibt. Meiner ganz persönlichen Meinung nach wird es beim sogenannten erweiterten Selbstmord bleiben. Auch wenn das hier nun bei weitem nicht mehr passt. Ich denke, eine solche Tat ist sehr viel näher am Amoklauf dran als am Suizid. Aber was auch immer es wird, es beschäftigt einen. Man liest wo man kann weil es einen interessiert. Und das zugegeben weit mehr als bei vergleichbaren Katastrophen. Natürlich interessieren mich Unglücke an denen hochentwickelte Technik beteiligt ist, immer. Aber diesmal geht mein Interesse weit über das bisherige Maß hinaus. Weil es eine deutsche Maschine war. Weil es auch viele deutsche Opfer waren. Weil das Maß an Identifikation sehr viel größer ist als wenn eine ausländische Maschine abstürzt oder verschwindet. Am Flug von 4U9525 ist alles “persönlich”. Menschen die man persönlichen kennen könnte, Umstände die selbst für mich nicht all zu “entfernt” sind… Es ist leicht sich vorzustellen das jemand in dem Flugzeug gesessen hätte den man selbst kennt. Ein hohes Maß an Empathie zu entwickeln fällt hier sehr viel leichter als bei vergleichbaren Unglücken die weniger nationalen Hintergrund haben. Wenigstens mir geht es so… dem großen Echo im Internet bzw. den Medien nach zu urteilen scheint das aber ein allgemeiner Effekt zu sein.
Deshalb ist es etwas persönliches. Außerdem stellen sich generelle Fragen zum Leben und zur menschlichen Gesellschaft. Etwas derartiges führt einem vor Augen, das es keine „Sicherheit“ im Leben gibt. Man suggeriert uns gerne, wir würden beschützt. Wenn jemand ein Flugzeug entführt um es als Waffe einzusetzen, werden zeitnah Maßnahmen ergriffen die uns klar machen sollen, das sich so etwas nicht wiederholen kann. Und vielleicht ist es für Terroristen so schwer geworden ein großes Passagierflugzeug zu übernehmen das sie es in Zukunft nicht mehr versuchen werden. Aber all die Maßnahmen schützen uns nichts davor das ein „Täter“ aus einem kleinen, elitären Kreis seine Möglichkeiten nutzt. All das auf das sich die Menschen verlassen haben als sie an Bord der Maschine gegangen sind, hat ihnen nicht geholfen. Und auch jetzt sind die Maßnahmen die uns vor eben diesen elitären „Tätern“ schützen sollen, schnell bei der Hand – die erste Fluglinie hat bereits angekündigt in Zukunft zu verlangen, das immer mindestens zwei Personen im Cockpit zu sein haben. Wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft feststellen, das auch das kein absoluter Schutz ist.

Heute haben wir aber auch eine andere Sache direkt vor Augen. Heute wird uns deutlich gezeigt wie unsere Gesellschaft – und dazu zähle ich die Medien explizit – mit Anklage und Schuld umgeht. Spiegel Online hat den Anstand wenigstens noch darauf hinzuweisen das es sich derzeit lediglich um eine Anklage handelt. Im TV hört sich das schon ganz anders an. Es ist verständlich das man angesichts der heute veröffentlichten Indizien dazu neigt eine Schuld in dem Verhalten zu sehen. Und auch ich bin wie oben geschildert, durchaus geneigt davon auszugehen das der Absturz der Maschine gewollt war. Aber es bleibt eine Unschäfe in all dem. Gerade in Hinblick auf die Tatsache das der zweite und nicht minder wichtige Flugdatenschreiber bisher nicht gefunden wurde. Es wird in diesem Fall keinen Prozess geben. Die Rechtstaatlichkeit funktioniert hier nicht mehr. Aber es wird den Bericht von Menschen geben, die sich in dieser Materie gut auskennen und deren Urteil als definitiv angesehen werden kann. Und bis es diesen Bericht gibt, sollte man von der Gesellschaft erwarten das sie das Persönlichkeitsrecht des „Angeklagten“ respektiert. Es wird zu klären sein ob der Mann wirklich an Deppressionen litt. Es muss von Fachleuten recherchiert werden was diesen Mann dazu getrieben hat – wenn er es denn war. Und dann, wenn ohne jeden Zweifel feststeht das er die Maschine mit 149 Menschen willentlich zum Absturz gebracht hat, erst dann hat er sein Recht auf Persönlichkeit verloren. Erst dann ist es legitim Fotos von ihm zu zeigen. Erst dann ist es gerechtfertigt Mutmaßungen darüber anzustellen wie „krank“ oder gestört jemand sein muss. Aber das alles muss unter allen Umständen unter der wahrung der Persönlichkeitsrechte der Angehörigen erfolgen. Selbst wenn zweifelsfrei bewiesen wurde das der Co-Pilot diese „Tat“ begangen hat, so ist doch darüber hinaus niemand schuld. Die Menschen aus seinem Umfeld, die Angehörigen die er zurückgelassen hat, haben unsere Anteilnahme ohne jede Einschränkung verdient. Sie haben einen Verlust erlitten… und müssen sich bis ans Ende ihres Lebens mit der Schuld auseinander setzen die ihr Sohn, ihr Bruder, ihr Freund, auf sich geladen hat. Wohlmöglich…
Der Gesellschaft ist zuzumuten in dieser Situation zu differenzieren. Es ist nicht tragbar das das Elternhaus des Co-Piloten von der Polizei abgeriegelt werden muss. Das Informationsbedürfnis der Gesellschaft ist hier sekundär! Die Katastrophe muss aufgearbeitet werden – aber durch Menschen und Instanzen die sich der Sensibilität dieser Arbeit bewusst sind.
Es ist der Gesellschaft ebenfalls zuzumuten, ihr Gehirn einzuschalten bevor sie im Internet irgendwas aus dem Kontext dieser „Tat“ kommentiert. Was mache Menschen derzeit von sich geben, zeichnet ein fürchterliches Bild dieser Gesellschaft. Ich verstehe die Wut. Ich verstehe die starken Emotionen die manch einen treiben wird… aber den an Kontrollverlust grenzenden Schwachsinn der in den vergangenen Stunden zu lesen ist, verstehe ich keineswegs. Und außer dem schreibenen Individuum ist damit wohl auch niemanden geholfen. Es ist auch keine Form von Anteilnahme seinen vermeintlichen Hass auf einen Fremden zum Ausdruck zu bringen. Ich würde mir wünschen, die Menschen würden sehr viel mehr nachdenken bevor sie zur Tastatur greifen.

Und so vergehen die Stunden… es ist weit weniger freundlich als noch heute Mittag… Der Strom an „Nachrichten“ wird heute nicht mehr abreißen. Mindestens einige tausend Menschen sind alleine in diesem Land mit der Aufarbeitung der Hintergründe beschäftigt. Ich hoffe, sie machen einen guten Job. Ich hoffe sie respektieren das Recht eines jeden Beteiligten. Ich hoffe sie können zusammen mit den fachlichen Ermittlern dieser Katastrophe wenigstens einen Hintergrund geben.

Benny

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