Gewalt gegen Frauen, die Polizei und Idioten

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Eigentlich sollten an dieser Stelle diverse andere Beiträge stehen. Ich habe wirklich viele, ganz verschiedene Sachen vorbereitet und nie zu Ende gebracht. In den letzten Tagen allerdings wurde mehr und mehr klar, dass ich erstmal was zum Thema digitale Gewalt gegen Frauen schreiben muss. Natürlich, weil ich damit auch beruflich zu tun habe und deswegen Perspektiven habe, die vielleicht wichtig oder interessant für andere sind. Aber insbesondere, weil ich ein Mann bin. Und weil es heute so unfassbar wichtig ist, sich auch öffentlich klar zu positionieren. Und meine Position dazu ist vollkommen eindeutig: 

Wer Gewalt gegen Frauen ausübt, ist ein Idiot. 

Wer ungerechtfertigte Gewalt gegen irgendeinen Menschen ausübt, ist ein Idiot. Aber hier geht es diesmal explizit um das, was Frauen in der digitalen Welt aushalten müssen. Jeden Tag. Tausendfach. Und deswegen steht dieser eine Satz so alleine für sich. 

Eine Aussage - und jetzt?

Um was geht es hier? Natürlich auch um die Vorwürfe, die Collien Fernandes ihren Ex-Mann Christian Ulmen macht. Darum, dass er ihre Identität genutzt haben soll, um mit anderen Männern sexualisierte Gespräche zu führen. Darum, dass er Bilder und Videos verschickt haben soll die den Eindruck machten, als würden sie Collien Fernandes zeigen. Vieles ist in den letzten Tagen in den Medien durcheinander gebracht worden. Ob aus Versehen oder weil "KI" gerade ein Buzzword ist, lasse ich mal dahingestellt. Wer einen neutralen Eindruck der Vorwürfe bekommen will, dem sei der Artikel im Spiegel oder der Wikipedia Eintrag von Collien Fernandes empfohlen. Es geht auch darum, was heute alles möglich und leider auch üblich ist. Und warum eine neue Gesetzgebung sicherlich richtig ist, aber das Problem alleine nicht lösen kann. 

Frauen sehen sich in der digitalen Welt jeden Tag meist sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Das kann das Dick-Pic sein, welches ungebeten im Posteingang landet. Das kann ein Kommentar unter einem Post sein. Oder es ist der Identitätsdiebstahl, und die unberechtigte Nutzung einer ganzen Persönlichkeit. Inklusive echter oder gefälschter Bilder. Oder der unerlaubte Versand intimer Medien. Oder das Erstellen und Verbreiten von mehr oder weniger guten pornographischen Medien. Oder, oder, oder. Die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Und in den meisten Fällen dürfte es eh eine Kombination aus allem sein. Und die Gewalt geht immer von Männern aus*. 

Warum ich das weiß? Weil es auch Teil meines Jobs ist, in solchen Sachverhalten Informationen zusammen zu tragen, Beweise zu sichern und für die Staatsanwaltschaften und Gerichte aufzubereiten. Deswegen sehe ich die Akten, spreche mit den Ermittlern und kriege auch immer wieder einmal die Opfer solcher Gewalt zu Gesicht. Und gerade deshalb finde ich es wichtig, als Mann deutlich zu machen, dass man ein elender Lappen ist, wenn man im Internet mit anderen Lappen über die Vergewaltigung von Frauen und Mädchen spricht. Oder sich an seiner Ex "rächt", in dem man intime und private Dinge teilt. Und man ist ein Lappen, wenn man moderne Technik nutzt, um die "Kontrolle" über eine Frau auszuüben. Und Mann ist ein Lappen, wenn er all die Sachen konsumiert, die andere Lappen ins internet blasen. Denn auch das ist eine Form von Gewalt. Eine, die subtil und besonders quälend ist.

Ja, das Problem ist bekannt

Eigentlich kann man sich lange Aufzählungen sparen. Jedem sollte klar sein, worin das Problem besteht. Aber warum tun wir uns so schwer mit der Lösung? Vielleicht auch, weil das Problem in weiten Teilen ein gesamtgesellschaftliches ist?! Und weil es in Bereichen stattfindet, welche von den meisten Menschen verleugnet werden. Und natürlich, weil Scham eine wesentliche Rolle spielt. Weshalb diese Taten auch so wahnsinnig wirkmächtig sind. 

Aber vermutlich auch, weil es Männer sind, die von den Taten profitieren. All die Portale, die sehr viel Geld durch die Klicks auf solche Videos und Bilder generieren. Oder die anonymen Chatportale, deren "Kampf" gegen illegale Inhalte auf ihren Plattformen selten über das absolute gesetzliche Minimum hinaus geht. 

Und es ist so ein Problem, weil die Taten oft in ihrer Tragweite nicht ernst genug genommen werden. Man muss so offen sein und feststellen, dass bei Strafverfolgung und Justiz nicht immer Menschen mit solchen Fällen betraut sind, die nachempfinden können, was es für eine Frau bedeutet wenn ein Mann sie im Internet zur Schau stellt. Besonders oft passiert das nach meiner Erfahrung, wenn im Vorfeld "freiwillig" intime Medien ausgestauscht wurden. 

Was jetzt? Einfach neue Gesetze?

Die Pläne die ich bisher zur Gesetzesverschärfung gelesen habe, scheinen einen durchdachten Eindruck zu machen. Aber nur neue Texte ins StGB zu schreiben, wird uns nicht weiter bringen. Wir müssen Frauen das Gefühl geben, dass sie bei Strafverfolgung und Justiz ernst genommen werden. Und wir müssen Personal und Mittel bereitstellen, damit solche Sachverhalte zeitnah und umfangreich aufgeklärt werden. Und die Zuständigkeiten müssen geklärt werden. Denn es gibt auch heute schon Fachdienststellen. Aber nicht immer werden die Sachverhalte juristisch gleich bewertet. Und wir müssen dafür sorgen, dass Plattformen ein eigenes Interesse daran haben, solchen Content umgehend und vor allem umfassend zu entfernen. Keine Plattform darf auch nur einen Cent mit illegalem Content generieren. Auch wenn dieser "nur" Erwachsene zeigt. Und wenn die Plattformen nicht einsichtig sind, muss man die Zahlungsdienstleister in die Pflicht nehmen. Denn am Ende geht es doch immer nur ums Geld. 

Wie immer lautet meine Forderung also, Mittel bereit zu stellen, die bestehenden Gesetze auch durchzusetzen. Und ja, Anpassungen der Gesetze an die aktuelle Zeit sind absolut willkommen. Aber dabei dürfen wir die Softskills nicht vergessen. Um solche Taten öffentlich zu machen, müssen Frauen sich exponieren. Sie müssen Scham ertragen und Risiken eingehen. Solche, von denen die allermeisten Männer - und da schließe ich mich unbedingt ein - vermutlich keine Ahnung haben. Ein Mann weiß nicht was es bedeutet, wenn der Personaler der im Bewerbungsgespräch vor einem sitzt, am Abend vorher noch bei einem Pornoportal ein eigentlich privates Sexvideo gesehen hat. Was nebenbei bemerkt ganz witzig ist, weil in all den Amateurpornos üblicherweise nur das Gesicht der Frau zu sehen ist. Aber das nur am Rande. 
Frauen müssen auch als Opfer von (sexueller) digitaler Gewalt immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit treten, damit der Fall nicht einfach einschläft. Und deswegen habe ich auch allergrößten Respekt vor Collien Fernandes. Ich an ihrer Stelle und mit ihren Mitteln, hätte die Anwälte das regeln lassen. Aber viele Opfer haben nicht solche Mittel. Weshalb in solchen Fällen vielleicht automatisch ein Opferanwalt gestellt werden sollte - unabhängig von der Möglichkeit der Nebenklage. Geschädigte in NRW sollten sich unbedingt auch an eine Opferberatungsstelle werden. In anderen Bundesländern gibt es sicher ähnliche Einrichtungen. 

Unschuldsvermutung - braucht es! 

Ja, ich bin großer Fan unseres Rechtssystems. Nicht weil es so gut funktioniert, sondern weil es das Potential hat, gut zu funktionieren und alle gleich zu behandeln. Im Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Christan Ulmen war immer wieder zu lesen, dass bis zur einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt. Das ist vollkommen richtig und ausgesprochen wichtig. Und ich erwarte vom Gericht - ein entsprechendes Verfahren scheint in DE ja wieder aufgenommen worden zu sein - dass es diesen Grundsatz berücksichtigt. Und die Gefahr einer Vorverurteilung einer Person durch solche Vorwürfe ist sicherlich massiv. Und je bekannter, desto erheblicher. Und trotzdem finde ich es okay, dass das Opfer die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit für sich beansprucht. Dieser Schritt ist mit derart viel Scham besetzt, dass es uns Hochachtung abringen sollte. Insbesondere da bei solchen Verfahren die Gefahr eines Freispruchs oder der Einstellung des Verfahrens, und somit eine Bloßstellung des (vermeintlichen) Opfers ziemlich groß ist. 

* Nein Michael. Ich erwähne nicht statistische Anomalien, nur damit du das Gefühl hast, das nicht alle Männer gemeint sind. Die Frauen die zu Täterinnen werden, sind statistisch irrelevant. Schlimm für jede Geschädigte und jeden Geschädigten. Aber sie sind nicht Der Grund für diesen Text.

 

 

This article was updated on 29 März 2026